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Im Abstand, der nicht dient: Klitoral denken

Rebekka Wilkens

Catherine Malabous klitorales Denken beginnt an einer doppelten Wunde. Die Klitoris ist auf eine buchstäbliche und eine übertragene Weise verletzt. Buchstäblich, weil sie mit einer systemischen Regelmäßigkeit verstümmelt oder abgeschnitten wird.1 Die Exzisionen hinterlassen bei vielen Frauen dauerhaft Narben und physischen und psychischen Schmerz. Manche verbluten. Obwohl zwei Drittel der Bevölkerung in den betroffenen Ländern dafür plädieren, Frauen nicht länger derartig zu verletzen, bleibt ein nennenswerter Rückgang dieser Praxis bisher aus. Im Gegenteil: Weltweit ist die Zahl der verstümmelten Frauen gegenüber 2016 um 15 % gestiegen.2 Das Kinderhilfswerk Unicef berichtet, dass Schritte zur Erreichung des von der Weltgemeinschaft erklärten Ziels, die weibliche Genitalverstümmelung bis 2030 abzuschaffen, um ein Vielfaches schneller unternommen werden müssten, als es bis heute geschieht.3 Und so schmerzen neue Wunden und alte Narben die Frauen weiterhin.4

Der Schmerz wird auch im übertragenen Sinne, das heißt diskursiv erzeugt und am Leben gehalten. Zwar findet in den letzten Jahren ein zunehmend kritisches Durcharbeiten von Mythologien statt, die sich um Frauenkörper ranken. Die Morphologie des Jungfernhäutchens, das in vielen Kulturen immernoch als Zeuge der sexuellen Abstinenz einer Frau fungiert, wird neu wahrgenommen: Anders als gemeinhin angenommen verschließt das Häutchen die Vagina nicht, sondern umrahmt sie wie ein Kranz – weswegen es gar nicht reißen kann und damit den in vielen Kulturen für die Eheschließung erforderlichen ‚Beweis‘ der Unbeflecktheit einer Frau ad absurdum führt.5 Dennoch erweist sich das kollektive Imaginäre als außerordentlich zäh. Noch immer kreisen die vorherrschenden Narrative über die Frau, wie es schon Luce Irigaray feststellte, zu häufig um die Figuren der Jungfrau, Mutter und Prostituierten.6 Der weibliche Körper befindet sich weiterhin in einem starren kulturellen Korsett, das der Klitoris die Luft abschnürt: Häufig wird sie gar nicht erwähnt und ist, wie Malabou feststellt, bisher ein stummes Symbol geblieben.7 Ihren Löschungen wohnt eine gewaltvolle Systematik inne.

Vorsichtig, aber bestimmt entwirft Malabou ein Denken der Klitoris, das inmitten dieser Wunden beginnt. Es bezeugt sie, setzt sich ihnen aus: dem Schmerz, dem Blut, das aus ihnen tritt. Das heißt zunächst, dass es die Wunden nicht ignoriert. Eine Feststellung, die nicht so banal ist, wie sie scheint – die Philosophie hat in der cartesianischen Tradition vor der Unstetheit des Körpers die Augen verschlossen und ihn so zu einer neutralen Hülle für ein Denken werden lassen, das sich in einem zweiten Raum bewegt, den man poppig als safe space bezeichnen kann. Die Neutralität dieses Denkens ist eine falsche und verbirgt die ihr inhärenten Hierarchien: die Dominanz eines körperlosen Denkens über die körperliche Wunde; diejenige der Personen mit unversehrten Körpern, die sie ‚in Ruhe‘ denken lassen, gegenüber denjenigen, deren Schmerz ihnen ein solch unverletztes Denken verstellt. Ein Denken, das die Wunde bezeugt, ist also selbst verwundet und es ergreift Partei. Damit kann es kein Denken der Mächtigen sein, kein Interesse an einer Gewinnung von Macht haben. Sondern es geht mit Momenten von Hilflosigkeit, mit der Erfahrung von Ohnmacht um. Das kann man schon daran erkennen, dass es an einem Ort beginnt, den sich die Denkende nicht selbst ausgesucht hat, sondern der negativ und extern vorgegeben ist. Wie kann ein Wort, ein Gedanke, von dem Pulsieren, dem Blut einer Wunde aus eine Bewegung entwickeln? In Malabous Worten heißt ein solches Denken plastisch. Ein plastisches Denken der Klitoris ist ein Denken der Abstände.8

ABSTÄNDE DENKEN

Das Denken der Abstände entfaltet sich vom anatomischen und diskursiven Abstand der Klitoris zur Vagina her. Dieser war und ist für viele Frauen ein Problem – denn während die Vagina im männlichen Diskurs über die Sexualität einen Ort erhält, zum Beispiel in Sigmund Freuds Worten die „Herberge des Penis“9 wird, verstummt der kanonische Diskurs, sobald es um die Klitoris geht. In der freudianischen Theorie wird versucht, den Abstand der Klitoris zu verringern: Entweder sie wird als kleiner Penis gelesen10 oder sie soll bei der erwachsenen Frau an Bedeutung verlieren, ihre Erogenität vollständig an die Vagina abtreten. An diesem diskursiven Imperativ scheitert Freuds Schülerin und Gönnerin Marie Bonaparte.11 Malabou erinnert daran, dass Bonaparte sich zwischen 1927 und 1931 drei schmerzhaften Operationen unterzieht, um ihre Klitoris der Vagina räumlich anzunähern. Bonaparte hofft, dadurch beim penetrativen Geschlechtsverkehr einen Orgasmus erleben zu können. Sie hadert mit der Tatsache, die freudsche Teleologie der erogenen Zonen nicht zu erfüllen, nach der die klitorale Lust bei der erwachsenen Frau ganz auf die vaginale übergeht. Ihr Versuch scheitert. Trotz der weitere Wunden verursachenden Eingriffe verstummt ihre Klitoris nicht. Daraufhin versucht Bonaparte, Freud davon zu überzeugen, dass ein Orgasmus ohne klitorale Lust unmöglich ist. Vergeblich – Freud schenkt ihr kaum Gehör. Er will nicht wahrhaben, dass die Fortpflanzungsfunktion die Lust nicht vollständig vereinnahmt.

Ein Denken des Abstandes der Klitoris verringert diesen also nicht – weder zur Vagina noch zum Penis. Während die Vagina bei Freud die Erogenität von der Klitoris erben soll – was der Klitoris ihre Lust nähme – werden andernorts Vergleiche der Klitoris mit dem Penis gemacht, um sie aus männlicher Sicht plausibler, verstehbarer zu machen. Beide Strategien hält Malabou für biopolitische Operationen, die die Klitoris einem heteronormativen Narrativ unterordnen. Nur wer ihren Abstand zu diesem Narrativ respektiert, kann die Klitoris denken, ohne sie immer schon in einen herrschenden Diskurs eingespeist zu haben. Nur im Abstand zu diesem Diskurs kann die Klitoris berühren und berührt werden.

Dass für Malabou auch ein Abstand zwischen dem Wort ‚Klitoris‘ und dem Organ besteht, gibt Spielraum: Diejenigen, deren Klitoris wörtlich verwundet wurde, müssen sich nicht vollständig mit dem Diskurs über sie identifizieren – sie können ihn vielmehr als offen wahrnehmen, ihn auf ihre Weise weiterflechten. Das Leben der Verletzten geht, selbst wenn ihre Wunden sie traumatisiert haben, auf eine vielfältige Weise weiter, sie sind durch die Wunde nicht auf ewig gebrandmarkt. Ebenso ermöglicht es der Abstand, dass nicht nur diejenigen Frauen über die Klitoris sprechen können, die buchstäblich verwundet sind. Durch die Anerkennung der Differenz zwischen Wort und Sache ergibt sich eine Pluralität, die die Beklemmungen, die durch die Wunden entstehen, lockert und einen geteilten Diskurs ermöglicht, ohne dabei die Differenzen zu nivellieren.
Die Anerkennung der körperlichen Verwundung entbindet aber nicht von der Sprachlichkeit des klitoralen Denkens. Denn es ist, wie Judith Butler zeigt, nicht möglich, einen von der Sprache ganz unabhängigen Körper zu denken, was auch heißt, dass der verwundete Körper nicht für immer vor dem Diskurs beschützt werden kann.12 Vielmehr geht das Denken mit der Wunde, wenn auch auf ungewohnten Wegen, weiter; stehen bleiben kann es nicht, und so befindet es sich in einer Spannung zum neutralen, zum Safe-space-Denken. Daher fungiert die Sprache als ein höchst ambivalentes Scharnier zwischen verschiedenen Diskursen, aber auch zwischen Denken und Körper. Sie kann aber keine Bindung zwischen Organischem und Denken herstellen, die vollkommen stabil ist und in sich ruht. Wenn die Feststellung, die Wirklichkeit siedele auf einer wörtlichen Ebene, paradoxerweise den Abstand zwischen Wirklichkeit und Sprache anzeigt, steht das Wörtliche zugleich für ein Aufblitzen von Gleichzeitigkeit, für eine kurze Implosion dieses Abstandes oder eine temporäre, fragile Allianz von Wirklichkeit und Wort. Das Wirkliche kann also am Wort ‚Klitoris‘ haften, vielleicht für einen kurzen Augenblick. Genauso kann es aber im nächsten Moment ungreifbar, sprachlos werden. Der Abstand zwischen beiden ist nicht messbar. Aber gerade durch diese Maßlosigkeit kann er die beiden Terme, die er trennt, dazu veranlassen, sich zu regen und zu bewegen. Vielleicht bewegen sich Wort und Sache ja doch vorsichtig aufeinander zu? Doch halt! – das klingt zu sehr nach dem Wunsch, beide sollten doch miteinander verschmelzen, ihre Unruhe möge eingehegt werden.
Der Abstand lässt die Heterogenität bestehen, führt zwischen zwei Dinge – Wort und Sache, Organ und Organ, Mann und Frau… – etwas Drittes ein. Doch was ist dieses Dritte, wenn es zunächst leer, nur als Abstand bezeichnet ist? Der Abstand ist etwas, aber nicht festgelegt auf eine bestimmte Gestalt. Er ist eine Differenz, aber nicht die Differenz. Er bricht „die paradoxe Identität der Differenz auf, enthüllt eine Vielheit, die sich in ihm verbirgt“13. Der leere Abstand verbürgt so eine Potenzialität der Beziehungen, die möglicherweise bisher weder gelebt noch gedacht wurde. 

ABSTANDSLOS DENKEN

Im dialektischen Denken wird eine Beziehung durch einen Konflikt initiiert, der zwischen Zweien auftritt. Diese beiden sind aber niemals Organe: Metaphysisches Denken konstituiert sich erst, nachdem eine Distanzierung vom Körper erfolgt ist (die wörtliche Übersetzung von Metaphysik lautet ‚nach dem Physischen‘). Damit kann ein Organ kein Teil des dialektischen Denkens sein. Beispielhaft dafür steht Hegels Parabel von Herr und Knecht aus der Phänomenologie des Geistes. Diese Erzählung beginnt mit zwei Bewusstseinen, die durch den geteilten Wunsch, zum denkenden Selbstbewusstsein zu werden, in eine Beziehung zueinander treten. Diese ist aber abstandslos: Beide sind in ein Ringen um die Anerkennung des Anderen verstrickt, die laut Hegel die Vorbedingung dafür ist, zum Selbstbewusstsein zu werden. Diese Anerkennung stellt sich allerdings erst nach dem sogenannten Kampf auf Leben und Tod ein. Erst wer bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, hat die Chance, anerkannt, zum Selbstbewusstsein zu werden. Dieses muss bewiesen haben, dass es als „reine Negation seiner gegenständlichen Weise […] an kein bestimmtes Dasein geknüpft, an die allgemeine Einzelnheit des Daseins überhaupt nicht, nicht an das Leben geknüpft“ ist.14 Die vom Selbstbewusstsein erlangte Freiheit ist demnach eine Freiheit vom Leben des Körpers. Im Kampf auf Leben und Tod stehen beide Bewusstseine vor einem Scheideweg: Entweder sie befreien sich vom eigenen Körper und werden fähig, selbst zu denken. Oder sie verharren in ihm, geben sich damit aber einer stumpfen Existenz hin, die der bloßen Erhaltung des Lebens dient. In Alexandre Kojèves Interpretation der Herr-Knecht-Dialektik ist der Wunsch nach Anerkennung ein menschliches Begehren, während jener, das eigene Leben zu erhalten, ‚bloß‘ tierisch bleibt.15 Das biologische Leben ist lustvoll, aber im Sinne einer Spannungslosigkeit und stumpfen Gleichförmigkeit. Aus diesem animalischen Festklammern am bloßen Leben muss für Kojève ausbrechen, wer Mensch werden will: „Der Mensch setzt sein biologisches Leben ein, um seine nicht-biologische Begierde zu befriedigen“.16 Erst wer seinem nichtbiologischen Begehren nachgibt und somit sein Leben riskiert, wird Mensch, kann denken.
Trotz des herrschaftskritischen Fortgangs von Kojèves Hegel-Interpretation – er stellt fest, dass die Herrschaft bei Hegel in eine existenzielle Sackgasse mündet17 – bleibt das Biologische bei ihm unterkomplex, seltsam ungedacht. Zwar wird der am Leben hängende Knecht letztlich als die der Wahrheit nähere Figur gewürdigt. Aber das passiert nicht, weil ihm eine biologische Lebendigkeit oder eine körperliche Widerständigkeit zugesprochen wird. Im Gegenteil: Nur weil der Knecht seinen Instinkt unterdrückt, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, kann er für den Herrn zu arbeiten beginnen. Für Kojève folgt er so einer Idee: jener des Herrn.18 Indem er so handelt, negiert er seine Natur zugunsten von etwas, das „nicht im biologischen Sinne des Wortes da ist“.19

DURCH DIE KLITORIS DENKEN

Malabou interveniert in diese Weggabelung zwischen Animalischem und Geistigem, mit der Körper und Denken voneinander getrennt gehalten werden. Warum, fragt sie, ist es in der männlichen, phallogozentrisch genannten Tradition nicht möglich, durch den Körper hindurch zu denken?20 Zu denken in einem verwundeten Zustand, dessen Lebendigkeit erhalten werden soll? Sie findet es bemerkenswert, dass es gerade angesichts der allgegenwärtigen Biomacht, die in den Körpern produktiv ist, noch niemand in Erwägung gezogen hat, dass es ein vom Körper getragenes Denken geben kann.21 Das klitorale Denken will ein solches Denken werden. Für es ist der Kampf zwischen Herr≠in und Knecht≠in nicht erforderlich – es entsteht nicht erst auf der Basis des eigenen Todes, sondern ist lebendig. Es strebt nicht nach Anerkennung durch den herrschenden Diskurs. Kojève würde ein solches Denken als tierisches bezeichnen, weil es sich seines Körpers nicht entledigen kann und will. Und warum sollte man sich diese Bezeichnung nicht zu eigen machen?


Das klitorale Denken geht von Kojèves tierischem Festhalten am Leben aus. Dadurch tritt es in einen Abstand zum metaphysischen Denken und zum Todeswagnis, von dem dieses initiiert ist. Der Abstand zwischen zwei Dingen, nicht ihr durch den Widerspruch ausgelöster Kampf, ist die Bedingung für ein plastisches Denken. Er muss weder verringert werden, wie es Marie Bonaparte versuchte, noch durch die Unterordnung des im Kampf Unterlegenen vergrößert werden. Zwei einander ungleiche Dinge müssen weder einander angenähert noch hierarchisiert werden. Trotzdem können beide existieren, miteinander in eine Beziehung treten (oder eben nicht, je nachdem). Die Klitoris ist so – zumindest theoretisch – vom Joch ihrer Dienerschaft befreit. Sie kann endlich nur noch der Lust dienen. Dass sie das einzige Organ ist, das außer der Luststeigerung keine evolutionäre Funktion hat, symbolisiert für Malabou ihre Unabhängigkeit.22 Die klitorale Lust funktioniert nicht entsprechend der von Kojève kommenden Dichotomie zwischen Lust (frz. plaisir) und Begehren (frz. désir), die Lacan aufgreift: Sie ist weder träge noch körperlos. Außerdem kann sie denken. Da sie ihre eigenen Formen und Beziehungen selbst erfindet, ist sie anarchisch.23

Doch Moment mal – wenn das klitorale Denken anarchisch ist, kann es gar keinen festgelegten Anfang haben, da jeder Anfang ein Ort der Gründung ist, der strenge Kausalitäten entfaltet. Es muss also nicht, wie zu Beginn dieses Textes behauptet, bei der Wunde beginnen (und so hätte auch dieser Text selbst anders beginnen können!). Es kann sich auch in respektvollem Abstand zur Wunde verhalten. Ein Abstand zu ihr löscht die Wunde nicht aus, sondern ermöglicht es jeder Verwundeten, in einer beliebigen Weise mit ihr umzugehen – sie zu reflektieren, über ihren Schmerz zu sprechen oder zu schreiben, oder sie, wenngleich vielleicht nur temporär, zu vergessen. Der Abstand ist wie ein Raum, dessen Maße noch nicht gemessen sind: [][  ][    ] Er macht die Differenz plastisch: Wenn sie zwischen zwei Dingen, zum Beispiel zwischen der wörtlichen und der diskursiven Wunde, besteht, ist nicht vorgegeben, welche der beiden mit dem Ausformen einer Beziehung beginnt. Dies ist situativ verschieden – beide Agent≠innen können frei aufeinander einwirken, was auch bedeuten kann, dass beide formend werden können.24

TIERISCH DENKEN

Es geht dem klitoralen Denken weniger darum, die genauen Kausalitäten aufzuspüren, die eine Wunde in sich birgt. Dass die Wunden der Frauen eine Systematik aufweisen, wurde bereits gezeigt.25 Malabou interessiert sich mehr für die Frage, wie Wunden heilen können.26 Sie setzt sich mit drei verschiedenen philosophischen Theorien der Heilung auseinander, die alle symptomatisch mit einem Tier assoziiert sind. Zunächst mit jener von Hegel, der den geheilten Körper mit einem Phönix vergleicht, der aus der Asche seines Körpers neu ersteht. Der Phönix ist eine Metapher für den Geist, in dem vergangene Wunden verschwunden, dialektisch aufgehoben sind.27 Er heilt, indem er aufersteht – im wiedergeborenen Körper des Phönix ist aller Schmerz überwunden. Die Bewegungstrajektorie des Herrn aus der Parabel wird in dieser Metapher erkennbar, wenn Hegel schreibt, das Ziel der Natur sei es, „sich selbst zu töten und ihre Rinde des Unmittelbaren, Sinnlichen zu durchbrechen, sich als Phönix zu verbrennen, um aus dieser Äußerlichkeit verjüngt als Geist hervorzutreten“.28 Dass aus der Asche des natürlichen Körpers eine qualitativ vom Vorigen unterschiedene Form des Lebens ersteht, ist eine Idealisierung des Todes. Der Geist strebt hier auf einen Idealzustand zu, in dem die Wunde ganz überwunden, der Körper in eine unkörperliche Form transzendiert ist. Dass der Phönix ein Fabeltier ist, trifft die idealisierte Natur dieser Heilung – sie hat kein Pendant in der biologischen Wirklichkeit.

Die zweite Heilung vergleicht Malabou mit dem Netz einer Spinne. Es ist ihr Lehrer Jacques Derrida, der es mit seinem Begriff der différance webt und in der Schrift etwas sichtbar macht, das ansonsten unsichtbar bleiben muss. Das ‚a‘ der différance überantwortet die Differenz einer anderen Ordnung, schafft ihr ein Refugium im Text: Im Schriftlichen bekommt dasjenige eine Herberge, das im Mündlichen überhört wird. Im Falle der Klitoris würde dies bedeuten, dass ihre Verletzungen und ihre verschiedenen Erinnerungsschichten darin ins Schwingen versetzt und nicht vergessen werden. Der Text wird auf diese Weise zu einer Art Herberge. Malabou fehlt in diesem Heilungsverständnis eine Möglichkeit zur Beeinflussung der (organischen) Gegenwart – der Text bleibt für sie, trotz seiner Komplexität und aller miteinander verflochtenen Zeitlichkeiten in ihm, zu sehr Teil einer anderen Ordnung. Seine verschiedenen Stränge münden in keinen realen Ort, in keine Gegenwart, sondern bleiben in ewiger, in einer ziellosen Oszillation verhangen. So wühlt er die konventionelle Nichtbeziehung zwischen Körper und Denken kaum auf, lässt ihr Verhältnis nahezu unangetastet. Das Geschriebene bleibt, da es vom Außen nicht berührt wird, von einer ewigen Jugend – es altert nicht, bekommt keine Falten.29 Oder vielleicht kann man sich noch treffender vorstellen, dass der Text, wie ein Spinnennetz, schon von Beginn an grau ist, aber von einem schillernden, nur von manchen Blickwinkeln aus sichtbaren Glanz.

Malabous Kritik am Text ist umso gefährlicher, als sie nicht nur Derrida, sondern auch einige Theoretikerinnen der écriture féminine trifft.30 Letztlich ist Malabou von deren Lob des fluiden Schreibens, das einer Vermeidung einer Auseinandersetzung mit dem Essenzbegriff gleichkommt, genervt. Die dekonstruktive Lobrede auf den fluiden Text bleibt für sie zu unkörperlich, unstet. Der Text bezeugt zwar die Wunden, heilt sie aber nicht, das a der différance ist „nicht vernehmbar, es bleibt stumm, verschwiegen und diskret, wie ein Grabmahl“.31 Klitorales Denken kann nicht stumm bleiben. Es findet weder nur textuell noch nur biologisch statt – würde man dies annehmen, wäre die Figur des Abstandes missverstanden. Die Klitoris beharrt auf einem Abstand, weil sie nur so einer Einspeisung in den patriarchalen Diskurs entgehen kann. Aber sie führt kein eindimensionales Nischendasein. Ihr Denken kann, so wie hier in diesem Text, zu schreiben versucht werden, aber es ist zugleich ein Denken des Körpers. Ist es flüssig, und damit Luce Irigarays weiblicher Sprache und Theorie alliiert? Für Irigaray existiert in jenem Denken, was zunächst als neutrales, als sicheres und sicherndes benannt wurde, eine idealisierte, mit der „Mechanik des nur Festen“32 verbundene Rationalität. Das weibliche Sprechen ist ein anderes, interessiert sich für das real Flüssige, für „Milch, Lichtfluten, Schallwellen […], ganz zu schweigen von den eingeatmeten Gasen, vom Urin, vom Speichel, vom Blut, vom Plasma selbst etc.“33 Könnte man argumentieren, dass die Klitoris ein Denken des Flüssigen anregt? Dass ihre Wunde und Heilung gleichermaßen mit Blut zu tun haben, mit Blut, das fließt und schließlich verkrustet, abfällt?

In den bisherigen Heilungsbildern von Phönix und Spinne schien das nicht so. Der Phönix und die Spinne sind Metaphern für Heilungsversuche, die den Körper in seiner Fleischlichkeit nicht berühren und ihn daher nur fiktiv betreffen. Die realen Wunden bleiben in beiden Fällen offen, da die Form, die ihre Heilung annimmt, zu metaphysisch, zu körperlos ist – als hätte nicht nur Hegel, sondern als hätten auch die dekonstruktiven Theoretiker≠innen Angst, sich mit der angeblich trägen fleischlichen Masse zu beschäftigen, an ihrer Unbewegtheit zu rühren.34

Die dritte Form der Heilung kommt im buchstäblichen Sinne aus dem Tierreich. Sie wird vom Salamander vorgemacht. Ihm kann ein Schwanz neu wachsen, ohne dass dabei Narben zurückbleiben; der neue Schwanz ist zwar noch ein Schwanz, aber er weicht in Form, Größe und Gewicht vom alten ab.35 Seit den 1990er Jahren wird in der regenerativen Medizin, die mit embryotischen Stammzellen arbeitet, ein dieser Neuformung analoger Ansatz verfolgt. Es wurde herausgefunden, dass menschliche Stammzellen transformativ sind. Hautstammzellen zum Beispiel können sich ohne externe Einwirkung in Nerven- oder Muskelstammzellen verwandeln. Damit ist es nicht unmöglich, dass Organe sich ohne Intervention von außen selbst heilen.36 Wenn dies geschieht; wenn der Körper sich selbst heilt, so wie der Schwanz eines Salamanders neu wächst, geschieht eine Heilung ohne zurückbleibende Narbe – somit hat sich eine Differenz entfaltet, hat sich ein Organ neu geformt.37 Dass derartige Heilungen vom Menschen nur im Bereich der Stammzellen, das heißt unbewusst erlebt werden, ist evolutionär nicht immer so gewesen: Die Evolution hat bei Säugetieren die regenerative Heilung nur irgendwann beiseite gelassen, weil sie mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Vernarben einer Wunde und sich daher aus Gründen, die im Dunkeln liegen, als weniger praktisch erwies.38 Diese verlorenen Funktionen werden heute von der regenerativen Medizin wiederbelebt.39
Die Selbstheilung ist ein biologisches Faktum, das von der Form her bisher kein Pendant im Denken finden konnte. Könnte das Denken der Klitoris bewirken, dass ein Abstand zwischen klitoraler Lust und dem Herr-und-Knecht-Szenario entsteht, so dass sie sich, trotz ihrer Verwundungen, selbst heilen kann?
In gewisser Hinsicht ist der Salamander das Gegenteil von Hegels Phönix. Bei dieser dritten von Malabou skizzierten Heilung wird kein Tier erfunden, um ein Denken zu beschreiben. Der Salamander und seine Heilung sind real – es ist hingegen das Denken dieses Prozesses, das noch seiner Verbalisierung harrt. Ist die Behauptung zu steil, die Klitoris könnte, indem sie in Abständen denkt, ihre Wunden wie der Salamander aus sich selbst heraus heilen? Auf einer biologischen beziehungsweise buchstäblichen Ebene hieße dies, den evolutionären ‚Fortschritt‘ der Vernarbung zu vergessen – Wunden nicht mit Schorf zu überdecken, sondern sie abfallen, das Fehlende neu wachsen zu lassen. Auf diskursiver Ebene hieße das, sich von Herr und Knecht zu emanzipieren – was auch bedeuten würde, den Phallus als Herrschaftssymbol, der das unkörperliche Zentrum von Lacans Begehrenslogik bildet, von der Lust abfallen zu lassen wie den Salamanderschwanz.40 Diese Metapher gleicht nicht unbedingt der von Luce Irigaray geforderten Verflüssigung: Im neu gewachsenen Schwanz fließt Blut, aber er hat auch eine feste Form. Er ist außerdem Segen und Fluch zugleich: Wenn Plastizität bedeutet, dass immer ein neuer ‚Schwanz‘ wächst, könnte man dies auch als eine stupide Verewigung des Phallus deuten.

Aber vielleicht ist eine Distanznahme von diesem Gedanken möglich. Und zwar, wenn man sich erneut klarmacht, dass der Zusammenhang zwischen Wort und Sache fluide oder instabil ist. Wer weiß, wie der neu gewachsene Schwanz aussieht; wer weiß, ob er einem Schwanz morphologisch überhaupt noch ähnelt! Der Herrschaftsanspruch des Phallus wird zwar mit seiner immergleichen Bezeichnung gerechtfertigt. Aber wenn man den Abstand zwischen dem Salamanderschwanz und seinem Namen plastisch denkt, kann er sich verformen und – wer weiß – plötzlich aussehen wie ein Ohr, oder er könnte sich in komischer Weise verkürzen…
Dasselbe passiert auch der Klitoris: Sie kann wie ein Phallus aussehen, aber mit ein bisschen Phantasie auch wie ein stolz dahingleitender Schwan, oder sogar wie ein Gespenst.

Christina Goestl, Clitoris Design, Videoloop, 2008
https://cccggg.net/projects/clitonics/

ABSTÄNDE FORMEN

Kann durch die spielerische Verformung der klitoralen Morphologie, getragen von der Überraschung, die in ihr steckt, auch ihre Lust eine werden, die sich von der Wunde löst?
Im kanonischen Diskurs über Erogenität geht das nicht. In Körper von Gewicht problematisiert Judith Butler Freuds Annahme, Lust wäre immer nur dann erlebbar, wenn ihr ein Schmerz vorausgeht.41 Freud hatte diese Theorie aus den Erzählungen seiner Analysand≠innen abgeleitet.42 Folgt man ihm hier, so ist der schmerzhafte erste Geschlechtsverkehr für die vaginale Lust unausweichlich; könnte auch erst die Wunde der Klitoris ihre Lust erwecken. Gegenüber dieser These kann und muss sich feministischer Zweifel regen – die Wunden, die mit oder ohne Penetration entstehen, dürfen nicht diskursiv prädestiniert bleiben.
Wäre klitoral gedacht eine andere Erogenität möglich, eine, die im Abstand zum Schmerz entsteht? Wenn die klitorale Lust in Kojèves Sinn eine animalische ist, hat sie keinen negativen Bezug auf den Körper – weder braucht sie ein Todeswagnis einzugehen, noch muss sie durch einen Schmerz hindurch entstehen. Sie könnte mit einer andersartigen Selbstentdeckung des Körpers und seiner Plastizität einhergehen, mit dem Formen und Umformen von erogenen Zonen. Der klitoral gedachte Phallus könnte Falten bekommen, alt werden. Als sexuelles Ideal könnte er abgelöst werden von einem Denken eines Organischen, das sich im Abstand zum phallischen Ideal bewegt, dieses verformt oder sich lustvoll in einem Abstand zu ihm aufhält. Dieses Organische wäre das plastische Spiel der Formen, ihre fortwährende Verformung, Verschiebung, mit dem letztlich eine Dezentrierung und eine größere Betonung historischer Situierung einhergeht.

An dieser Stelle scheint eine Arbeit notwendig zu sein, die Malabou anstößt, wenn sie die Klitoris und ihre Lust im Abstand zum herrschenden Diskurs zeichnet. Ein klitorales Denken ist mühsam, weil die übliche dialektische Methode in ihm transformiert werden muss, weil es seine Beziehung zu dem, was gegeben ist, plastisch versteht. Der hegemoniale Diskurs wirkt ihm entgegen, und trotzdem entgegnet es ihm auf eine zarte, aber entschiedene Weise den Wunsch, zu heilen; erkundet es Beziehungsformen, die nicht in eine Unterwerfung des≠r Anderen münden. Die Beliebigkeit, mit der die Abstände zwischen Partner≠innen, zwischen verschiedenen Gedanken oder Lüsten, gestaltet werden können, macht das Denken der Klitoris schwer universalisierbar. Aber umso leichter ist es zu beginnen – nämlich hier und jetzt für alle, die wollen:                        

Das Denken der Klitoris kann durch die Wahrung von Abständen möglicherweise heilen. Aber es bildet keine Synthese zwischen Wunde und Heilung, hebt beide nicht auf eine ‚höhere‘ Ebene. Letztlich liefert es aber, anders als Hegels Parabel, das Lebendige nicht dem Tod aus, sondern lässt es seine Differenzen in einer anarchischen Weise entfalten, denken und genießen.

Der Text entstand für c0da, 2024.

Lektorat: Jana Seehusen

Zeichnungen von Tee Corinne, LABIAFLOWERS © 1981, Tee A. Corinne, in: Cunt Coloring Book (revisted) © 1988, Tee A. Corinne, Published by Last Gasp of San Francisco 21. Auflage 2023 (Original: Cunt Coloring Book, 1975), ohne Seitenangaben.

1 Vgl. Catherine Malabou, Negierte Lust. Die Klitoris denken (Orig. Le plaisir effacé. Clitoris et pensée, 2020), aus dem Französischen von Luzia Gast, Zürich: Diaphanes 2021, 73.

2 Quelle: https://data.unicef.org/resources/female-genital-mutilation-a-global-concern-2024/, Zugriff am 22.08.2024.

3 Ebd.

4 Vgl. das Kapitel „Löschungen“ in Malabou, Die Klitoris denken, 11–20.

5 Vgl. https://www.swr.de/swrkultur/wissen/mythos-jungfernhaeutchen-wie-falsche-vorstellungen-frauen-schaden-102.html, Zugriff am 23.09.2024. Siehe zu der Thematik auch Sophia Smith Galers Losing it. Sex Education for the 21st century, Glasgow: William Collins 2022.

6 Vgl. Luce Irigaray, Frauenmarkt, in Das Geschlecht, das nicht eins ist (Orig. Ce sexe qui n’en est pas un, 1977), aus dem Französischen von Ursel Rütt-Förster und W.H., Berlin: Merve Verlag 1977, 177–198, 192.

7 Vgl. Malabou, Die Klitoris denken, 16.

8 Vgl. ebd., 15. Malabou betont, es genüge für ein Denken der Klitoris nicht, ihre Existenz zu fordern, „indem man die Anatomie verfeinert, ihre Bedeutung unterstreicht, sich für ihre Anerkennung einsetzt, damit sie nicht länger ausgeblendet wird. All meine Lektüren und Forschungen legen mir vielmehr den Schluss nahe, dass – im übertragenen wie vielleicht auch im buchstäblichen Sinn – an die Klitoris zu rühren bedeutet, die Erfahrung eines Unterschieds, eines Abstands zu machen“. Das Denken der Klitoris ist also keines der bloßen Sichtbarmachung, sondern ist ein Denken, das sich selbst in einem Abstand zur Form des sichtbaren, hegemonialen Diskurses über sie befindet.

9 Sigmund Freud, Die infantile Genitalorganisation, in: Alexander Mitscherlich, (Hg.), Studienausgabe Bd. 5: Sexualleben, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1972, 235–242, 241.

10 In seiner späten Schrift Über die weibliche Sexualität bezeichnet Freud die Klitoris als dem Penis analog (vgl. Sigmund Freud, Über die weibliche Sexualität, in: Alexander Mitscherlich, (Hg.), Studienausgabe Bd. 5: Sexualleben, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1972, 273–294, 277.

11 Vgl. Malabou, Die Klitoris denken, 37f.

12 Vgl. Judith Butler, How can I deny that these hands and this body are mine?, in: Judith Butler, Senses of the Subject, New York: Fordham University Press 2015, 17–35, 20.

13 Malabou, Die Klitoris denken, 16.

14 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg: Felix Meiner Verlag 2022, 130.

15 Kojèves Hegel-Interpretation beeinflusste Lacans Begriff des Begehrens maßgeblich. Lacan nahm von 1933-1939 an Kojèves Seminar teil, zu einem Zeitpunkt, an dem die Phänomenologie des Geistes noch nicht ins Französische übersetzt worden war (die erste Übersetzung, die von Jean Hyppolite stammt, erschien 1939). Dass eine Interpretation ohne die Möglichkeit, selbst den interpretierten Text zu lesen, einen umso größeren Eindruck bei der Hörenden hinterlässt, liegt nahe. Und tatsächlich ist auch Lacans Begriff des Begehrens dezidiert nichtbiologisch und hat nur mit Sprache zu tun – seine Fetischisierung der Sprache lockert sich erst in seinen späteren Schaffensjahren ein wenig und übt einen ungünstigen Einfluss auf seine feministische Rezeption aus. Vgl. zum Verhältnis Lacans zu Kojève z.B. Nicola Apicella, Kojeve, Lacan – introduction au système du désir, in: La cause du désir, Bd. 93, 2016, 161–173. URL https://shs.cairn.info/revue-la-cause-du-desir-2016-2-page-161?lang=fr, Zugriff am 30.09.2024.

16 Alexandre Kojève, Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, hrsg. von Iring Fetscher (Orig. Introduction à la lecture de Hegel, Leçon sur la phénoménologie de l’esprit, 1947), aus dem Französischen von Iring Fetscher und Gerhard Lembruch, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975, 58.

17 Vgl. Kojève, Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens, 63f.: Der Herr hat dem realen, dem biologischen Leben zwar etwas Ideales, Nichtbiologisches vorgezogen. Damit ist er dem Knecht, der an seinem Leben festhält, überlegen. Damit diese Überlegenheit jedoch realisiert wird und nicht nur theoretisch bleibt, muss sie sich dadurch realisieren, dass der Sklave für ihn arbeitet. Damit lebt der Herr ein lustvolles Leben. Allerdings ergibt sich das Problem, dass er, indem er den Sklaven für sich arbeiten lässt, zwar von ihm als Herr anerkannt wird. Aber der Sklave ist kein adäquates Gegenüber mehr, weswegen der Herr einen anderen Herren neben sich dulden müsste, um wahrlich anerkannt zu werden. Da er das unmöglich tun, da er allein durch den Tod seines Gegenübers befriedigt werden kann, kann er niemals anerkannt werden – Herrschaft ist also eine Sackgasse.

18 Vgl. Kojève, Hegel, 66.

19 Ebd.

20 Jacques Derrida, Luce Irigaray, Hélène Cixous und andere Differenzfeministinnen prägen den Begriff ‚Phallogozentrismus‘ für einen denkerischen Bezug auf die Welt, der inhärent auf den männlichen Phallus zentriert ist. Derrida wirft z.B. Freud vor, er täte „nichts anderes als die Notwendigkeit des Phallogozentrismus zu beschreiben […]. [D]ie Beschreibung ist Teilnehmerin, wenn sie eine bestimmte Praxis, eine Ethik und eine Institution sichert, also eine Politik, die die Tradition ihrer Wahrheit sichert. Es handelt sich dann nicht mehr lediglich darum, zu erkennen, zu zeigen, zu erklären, sondern darum, dabei zu bleiben. Und zu reproduzieren.“ Jacques Derrida, Die Postkarte von Sokrates bis Freud und jenseits. 2. Lieferung, übersetzt von Hans-Joachim Metzger, Berlin: Brinkmann & Bose 1982, 264.

21 Vgl. Catherine Malabou, One Life Only: Biological Resistance, Political Resistance, in: Catherine Malabou, Plasticity. The promise of explosion, Edinburgh: Edinburgh University Press 2022, 227–236, 227.

22 Vgl. Malabou, Die Klitoris denken, 37.

23 Vgl. ebd., 109.

24 Malabou faßt dieses Formverständnis als materialistisches auf: “Materialism is a name for the nontranscendental status of form in general. Matter is what forms itself in producing the conditions of possibility of this formation itself.” Catherine Malabou, Whither Materialism? Althusser/Darwin, in: Brenna Bhandar und Jonathan Goldberg-Hiller (Hg.), Plastic Materialities. Politics, legality, and metamorphosis in the work of Catherine Malabou, London: Duke University Press 2015, 47–60, 48.

25 Vgl. dazu z.B. Silvia Federicis Darstellung der Notwendigkeit einer systemischen Unterdrückung der Frau in der kapitalistischen Produktionsweise in: Silvia Federici, Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (Orig. Caliban and the Witch. Women, the Body and Primitive Accumulation, 2004), aus dem Englischen von Max Henninger, Wien: mandelbaum kritik & utopie 2012.

26 Vgl. Catherine Malabou, Changing difference. The feminine and the Question of Philosophy, Cambridge: Polity Press 2011, 73f.

27 Vgl. ebd., 74.

28 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Zweiter Teil. Die Naturphilosophie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, 538.

29 Vgl. Malabou, Changing difference, 74.

30 Die Ausnahme bildet hier das Werk von Luce Irigaray, deren plurale Körperbiographien Malabou gegen deren Kritiker≠innen verteidigt: Hinter Irigarays Lippen gibt es für sie keine Machtverhältnisse und keine Rivalität zwischen Klitoris und Vagina (vgl. Malabou, Die Klitoris denken, 65). Irigarays Topos der Lippen als weiblichem Geschlecht, das nicht eins ist, wird in ihrem gleichnamigen Buch zur Quelle einer dezentrierten, an verschiedenen Körperstellen auftretenden Lust.

31 Jacques Derrida, Die différance, in: Peter Engelmann (Hg.), Randgänge der Philosophie (Orig. Marges de la philosophie, 1972), aus dem Französischen von Eva Pfaffenberger-Brückner, Wien: Passagen Verlag 1999, 31–52, 32.

32 Luce Irigaray, Mechanik des Flüssigen, in: Das Geschlecht, das nicht eins ist (Orig. Ce sexe qui n’en est pas un, 1977), aus dem Französischen von Gerlinde Koch und Monika Metzger, Berlin: Merve Verlag 1977, 111.

33 Ebd., 117.

34 Dieselbe Angst drückt sich Malabous Ansicht nach auch in dem Wunsch der Queer Theory aus, den Essenzbegriff zugunsten einer Betonung der Fluidität der Attribute von Körpern aufzugeben. Dabei ist die (körperliche) Essenz, wie Malabou unter Berufung auf Heidegger zeigt, missverstanden worden. Allzu sehr wurde sie der metaphysischen Abwertung des Körperlichen unterstellt und somit unplastisch. Unter der metaphysischen Haut, die sie überspannt, hat Essenz vor der Metaphysik die Transformativität der Dinge und niemals ihre substanzielle Stabilität gemeint. Essenz ist also keine ungeschichtliche Präsenz, sondern kann als ein Eingang in eine Gegenwart, eine Bewegung verstanden werden, die Veränderung initiiert. Vgl. dazu z.B. Catherine Malabou, Plasticity at the Dusk of Writing. Dialectic, Destruction, Deconstruction, New York: Columbia University Press, 2005, 8.

35 Vgl. Malabou, Changing difference, 84.

36 Vgl. ebd., 80f.

37 “There is no scar but there is difference”, kommentiert Malabo in Changing difference, 82. Vgl. für eine medizinische Perspektive auf regenerative Medizin z.B. auch den Artikel von Anthony Ho aus dem Deutschen Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/archiv/30007/Stammzellen-Rohstoff-fuer-die-regenerative-Medizin.

38 Vgl. Malabou, Changing difference, 84.

39 Vgl. ebd., 85.

40 Vgl. zu Malabous kritischer Rezeption des lacan’schen Phallus das Kapitel „Dolto, Lacan und der ‚Bericht‘“ in: Malabou, Die Klitoris denken, 47–56.

41 Vgl. Judith Butler, Körper von Gewicht (Orig. Bodies that matter, 1993), aus dem Englischen von Karin Wördemann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997, 92f.

42 Vgl. dazu z.B. Sigmund Freud, Das Ich und das Es, in: Alexander Mitscherlich (Hg.), Studienausgabe Bd. 3.: Psychologie des Unbewussten, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1975, 273–330, 294.

Biographic Note

Rebekka Wilkens (*1990, Berlin) is a philosopher and writer based in Berlin. Her theoretical interest revolves around relations between thinking, jouissance and (artistic) practice, which she considers from a feminist point of view. Currently she is exploring the notion of feminity and its links to jouissance, difference and plasticity in the works of Lacan, Deleuze and Malabou. She works as Alexander García Düttmann's academic assistant and teaches at UdK Berlin. 

Issues

Eine erste Fassung wurde im Juli 2024 von Rebekka Wilkens im Badischen Kunstverein, Karlsruhe vorgetragen, im Rahmen von:

c0da comptoir @ fanny carolsruh

For the exhibition #c0da comptoir #fanny carolsruh at Badischer Kunstverein, Karlsruhe c0da was transferred to an exhibition space for the first time. It situated the project in a complex relationship to the Fächerstadt (‘fan shaped city’) of Karlsruhe as a rather maledominated technology centre and proposed feminist correctives to this existing historiography. During the 18th and 19th centuries, the fan was a telegraphic tool, part of the basic equipment of bodies that were coded as feminine, and was scenarized in literature and art as an instrument of emancipatory and subversive communication.

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